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Die Welt der Berliner Start-ups

Pair – Inkasso in Zeiten von Big Data

1. März 2016 · Keine Kommentare · Allgemein

Das Berliner Start-up Pair will mit Big Data und selbstlernenden Algorithmen die veraltete und wenig angesehene Inkasso-Industrie revolutionieren. Die Ansprache der in Verzug geratenen Kunden basiert auf einer personalisierten Datenanalyse. Der Schuldner wird also nicht von vorneherein stigmatisiert.
„Wir schaffen einen Onlinedialog mit dem Kunden und können automatisiert die Gründe analysieren, warum ein Kunde nicht bezahlt und eine entsprechende Lösung vorschlagen“, sagt Sebastian Diemer, einer der Berater des Unternehmens. Diemer kennt sich mit solchen Fragen aus. Er ist Gründer des Hamburger Start-up Kreditech, das er bis vor kurzem leitete. Kreditech bestimmt in Mexiko und anderen Schwellenländern mit Algorithmen die Kreditwürdikeit einer Person und zahlt sekundenschnell einen Kleinkredit aus.
Dazu analysiert Kreditech 20.000 Datenpunkte eines Schuldners von seinem Browserverlauf über Spuren in sozialen Netzwerken bis hin zu digital verfügbaren Informationen von Finanzbehörden. Daraus errechnet der Algorithmus die Wahrscheinlichkeit, dass Kreditech sein Geld wie vereinbart zurückbekommt. Diemer nahm in der Vergangenheit für sich in Anspruch, keine höheren Ausfallrisiken zu haben als Banken, die die Kreditwürdiglkeit ihrer Kunden vor allem über Auskunfteien wie Schufa oder Creditreform prüfen. Das Konzept von Kreditech war Investoren bislang mehr 140 Millionen Dollar wert.
Entsprechend – nur mit dem Ziel des Geldeintreibens – verfährt Pair. Auch hier werden Prozessdaten sowie anonymisierte Kundenhistorien ausgewertet. Dabei analysiert die Software zudem nicht nur den in Zahlungsverzug geratenen Kunden, sondern auch die beteiligten Unternehmen.
Inkasso ohne Gerichtsvollzieher oder Schuldeneintreiber könnte auch für Gläubiger-Unternehmen interessant sein und die Rückzahlungsquoten erhöhen. Denn sie wollen ja vielleicht weiter mit dem einmal in Zahlungsschwierigkeit geratenen Kunden Geschäftsbeziehungen pflegen. Die Online-Plattform setzt weniger auf die Macht des Geldeintreibers als auf die automatische, von einem Algorithmus gesteuerte Konfliktlösung. Sie will aus Schuldnern wieder Kunden machen. Dabei verwendet sie Erkenntnisse der Risikokompetenzforschung.
Das Unternehmen Pair hat errechnet, dass in Deutschland jedes Jahr mehr als 20 Millionen  Mahnungen in vorgerichtlichem Inkasso verschickt werden. Der Firmenstatistik zufolge werden Außenstände von fünf Milliarden Euro jedes Jahr wieder in den Wirtschaftskreislauf zurück geführt. Das ist ein Ergebnis von Mahnverfaren und in letzter Instanz auch von 600 Inkassoanbieter in Deutschland.
Deren Arbeit könnte sich in näherer Zukunft veringern, wenn es Unternehmen wie Pair gelingt, das Mahnverfahren mit einem Algorithmus zu unterlegen, der dem Gläubiger Rückschlüsse auf die Zahlungsfähigkeit und Zahlungsbereitschaft seiner Schuldner zulässt.
Hinter dem Projekt steht neben dem erfahrenen Gründer Sebastian Diemer FinLeap, ein auf die FinTech-Branche spezialisierter Company Builder am Standort Berlin. Sein Ziel ist es, Gründer beim Aufbau nachhaltiger, kundenorientierter und technologiestarker Unternehmen zu unterstützen. Bei seiner Forschung wurde das Gründerteam von SimplyRational, einer Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin wissenschaftlich unterstützt. Die Forscher halfen beim Bau der Software „Rose“, die Abkürzung steht für Realtime Online Settlement Engine (Echtzeit-Online-Zahlungsausgleichsmaschine).

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